Eine Weinreise nach Bodenheim
Sanfte Hügel, endlose Reben, alte Winzerhöfe und ein Schoppen, der selten allein bleibt: Rheinhessen ist Deutschlands größtes Weinanbaugebiet und Bodenheim ist einer jener Orte, an denen man besonders gut versteht, warum Wein hier weit mehr ist als nur ein Getränk.
Wer von Mainz aus nach Süden fährt, braucht nicht lange, bis die Stadtlandschaft den ersten Weinbergen weicht. Nur wenige Kilometer vor den Toren der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt beginnt eine Landschaft, die wie selbstverständlich vom Wein geprägt wird.
Mittendrin liegt Bodenheim
Hier stehen die Reben nicht nur auf den Hügeln rund um den Ort. Wein begegnet einem überall: in alten Hofanlagen, in Straußwirtschaften und Gutsschänken, bei Hoffesten, auf Wanderwegen und natürlich in den Gläsern.
Bodenheim ist damit ein ziemlich guter Ausgangspunkt, um Rheinhessen kennenzulernen.
Rheinhessen – Deutschlands größtes Weinland
Rheinhessen liegt links des Rheins im Dreieck zwischen Mainz, Bingen, Alzey und Worms. Trotz seines Namens gehört die Region heute vollständig zu Rheinland-Pfalz. Die Bezeichnung Rheinhessen entstand nach dem Wiener Kongress: 1816 fiel das Gebiet an das Großherzogtum Hessen und erhielt seinen heutigen Namen.
Mit einer bestockten Rebfläche von 27.657 Hektar im Jahr 2025 ist Rheinhessen das größte deutsche Weinanbaugebiet. In 132 von 136 Gemeinden wird Wein angebaut. Die offizielle Statistik verzeichnet für 2023 insgesamt 1.920 Weinbaubetriebe, darunter 1.077 Betriebe mit eigener Flaschenweinvermarktung. Hinzu kommen nicht weniger als 412 Einzellagen.
Das Klima hilft kräftig mit. Rheinhessen gehört zu den vergleichsweise warmen und trockenen Regionen Deutschlands. Im langjährigen Mittel werden rund 1.970 Sonnenstunden und lediglich etwa 530 Millimeter Niederschlag erreicht. Viele Bereiche liegen zudem geschützt im sogenannten Mainzer Becken.
Das sind ziemlich gute Voraussetzungen für Wein.
Vom Massenwein zum Herkunftswein
Das heutige Rheinhessen hat allerdings nicht mehr viel mit dem Image zu tun, das der Region noch vor einigen Jahrzehnten anhaftete.
Lange galten hohe Erträge und unkomplizierte Konsumweine als Markenzeichen der Region. Doch spätestens seit den 1990er-Jahren hat eine neue Winzergeneration einen bemerkenswerten Wandel angestoßen.
Erträge wurden reduziert, Weinberge differenzierter betrachtet, traditionelle Lagen wiederentdeckt und im Keller weniger korrigiert. Statt möglichst gleichförmige Weine zu produzieren, geht es zunehmend darum, Herkunft schmeckbar zu machen.
Rheinhessen steht heute für eine erstaunliche Bandbreite – vom unkomplizierten Gutswein für die Terrasse bis zum hochklassigen Riesling aus einer einzelnen Parzelle.
Und genau diese Mischung macht die Region spannend.
Riesling vorne, aber längst nicht allein
Die wichtigste Rebsorte Rheinhessens ist mittlerweile der Riesling. 2025 standen rund 5.472 Hektar unter Riesling, was etwa 20 Prozent der gesamten Rebfläche entspricht.
Dahinter folgen unter anderem Müller-Thurgau, Dornfelder, Grauburgunder, Silvaner und Spätburgunder. Insgesamt entfallen rund 75 Prozent der rheinhessischen Rebfläche auf weiße und 25 Prozent auf rote Rebsorten.
Doch Zahlen erzählen nur die halbe Geschichte.
Denn spannend wird Rheinhessen dort, wo Boden und Lage ins Spiel kommen. Löss und Lösslehm, Kalkstein, Ton, Mergel und an manchen Stellen spektakulärer roter Schiefer verleihen den Weinen sehr unterschiedliche Charaktere.
Und damit kommen wir nach Bodenheim.
Bodenheim – wo Wein zur Ortsgeschichte gehört
Bodenheim bezeichnet sich gerne als „Tor zur Rheinterrasse“. Das ist geografisch durchaus passend: Südlich von Mainz öffnet sich hier die rheinhessische Hügellandschaft.
Noch wichtiger ist jedoch, wie tief der Weinbau mit der Geschichte des Ortes verbunden ist.
Eine Urkunde aus dem Jahr 754 berichtet davon, dass ein Mann namens Rantulf dem Kloster Fulda einen Weinberg in Bodenheim schenkte. Diese Urkunde gilt zugleich als älteste bekannte Erwähnung Bodenheims und als einer der frühen Nachweise des Weinbaus in der Region.
Der Wein ist hier also kein touristisches Dekorationselement, das man irgendwann erfunden hat.
Er gehört seit weit über tausend Jahren zum Ort.
Die Ursprünge reichen sogar noch weiter zurück. Mit den Römern gelangte der systematische Weinbau in die Region um das damalige Mogontiacum, das heutige Mainz. Später führten Franken sowie Klöster und geistliche Grundherren die Weinbautradition fort.
520 Hektar Weinberg rund um Bodenheim
Heute umfasst die Bodenheimer Rebfläche nach Angaben der Gemeinde rund 520 Hektar. Zu den traditionellen Lagen gehören unter anderem Kapelle, Kreuzberg, Silberberg, Hoch, Leidhecke, Westrum, Heitersbrünnchen, Ebersberg, Burgweg, Mönchspfad und Reichsritterstift.
Das ist für einen Ort dieser Größe beachtlich.
Und es erklärt, warum Bodenheim aus fast jeder Richtung von Weinbergen eingerahmt wird.
Besonders interessant sind dabei der Bodenheimer Burgweg und der Bodenheimer Mönchspfad.
Der Burgweg weist Steigungen von etwa zehn bis 25 Prozent auf. Seine Böden bestehen unter anderem aus Löss und sandigem Lehm und eignen sich besonders für Spätburgunder, aber auch für Riesling, Silvaner und Scheurebe.
Der Mönchspfad wiederum erinnert mit seinem Namen an den ehemaligen Bodenbesitz des Mainzer St.-Albans-Klosters. Hier prägt fruchtbarer Lösslehm die Weinberge – ein Boden, auf dem unter anderem Silvaner sehr gut gedeiht.
Bodenheim war einmal Silvaner-Land
Eine interessante historische Besonderheit: Während um 1900 in vielen Teilen Rheinhessens Riesling dominierte, war Bodenheim offenbar stärker vom sogenannten „Oesterreicher“, dem Silvaner geprägt.
Zudem waren die Weinberge damals häufig nicht reinsortig bepflanzt. Verschiedene Rebsorten standen gemeinsam in einer Parzelle; etwas, das heute unter dem Begriff „Gemischter Satz“ wieder erstaunlich modern klingt.
Die große Veränderung kam in Bodenheim zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren mit der Flurbereinigung. Aus vielen landwirtschaftlichen Mischbetrieben entstanden spezialisierte Weinbaubetriebe, die Weinberge wurden neu geordnet und zunehmend reinsortig bepflanzt. Gleichzeitig nahm die Selbstvermarktung der Weine zu.
Das heutige Wein-Bodenheim entstand wesentlich in dieser Zeit.
Über 40 Weingüter – erstaunliche Vielfalt auf kleinem Raum
Die Gemeinde spricht heute von mehr als 40 Weingütern, die in Bodenheim Wein zum Verkauf anbieten. Viele verbinden den Weinbau mit Weinproben, Gutsschänken, Straußwirtschaften, Hoffesten oder Weinbergsrundfahrten.
Gerade das macht Bodenheim interessant: Die Weinszene besteht nicht aus drei oder vier großen Produzenten, sondern aus einer Vielzahl oftmals familiengeführter Betriebe mit sehr unterschiedlichen Handschriften.
Ein paar davon verdienen einen genaueren Blick.
Kühling-Gillot – Bodenheim auf der internationalen Weinkarte
Der wohl international bekannteste Name des Ortes ist Kühling-Gillot.
Das VDP-Weingut von Carolin Spanier-Gillot sitzt in der Ölmühlstraße in Bodenheim. Zum Ensemble gehört ein parkähnlicher Garten mit Jugendstilpavillon und moderner Vinothek. Für die Verbindung von Wein, Architektur und Garten erhielt das Weingut bereits einen „Best of Wine Tourism Award“ der Great Wine Capitals.
Bekannt ist Kühling-Gillot insbesondere für hochwertige Rieslinge und seine Weinberge am Roten Hang rund um Nierstein und Nackenheim.
Der Betrieb zeigt exemplarisch, wie weit Rheinhessen heute gekommen ist: Bodenheim ist eben nicht nur Schoppenwein und Straußwirtschaft – sondern ebenso Heimat international beachteter Spitzenweine.
Kilianshof – Wein mitten in den Weinbergen
Der Kilianshof von Stephan Leber liegt unmittelbar in den Weinbergen nahe des Bodenheimer Weinlehrpfades.
Das Weingut gehört zu jenen Bodenheimer Betrieben, bei denen Wein nicht isoliert in einer Vinothek erlebt wird, sondern unmittelbar dort, wo er entsteht.
Und dass auch die Weine überzeugen, zeigte beispielsweise der Bodenheimer Weinwettbewerb „Top3“: 2025 gewann der Kilianshof mit seinem feinherben Rosé „Pink“ die Rosé-Kategorie.
Weingut Sauer – alter Gutshof, moderner Bodenheimer Wein
In der Rheinallee befindet sich das Weingut Sauer. Der alte Gutshof wird für Weinverkauf, Verkostungen und Veranstaltungen genutzt und ist damit ein gutes Beispiel für jene Mischung aus Landwirtschaft, Gastlichkeit und Weinkultur, die für Bodenheim typisch ist.
Auch Sauer war zuletzt beim Bodenheimer Wettbewerb erfolgreich: Ein Riesling Classic des Weinguts gewann 2025 die Weißweinkategorie von „Bodenheim Top3“.
Hof in den Weingärten – ein Herz für Rotwein
Dass Rheinhessen keineswegs ausschließlich Weißweinland ist, zeigt das Weingut Jörg Haub – Hof in den Weingärten.
Der Betrieb bezeichnet seine Ausrichtung selbst augenzwinkernd als Spezialisierung auf die „Roten im Land der Weißen“. Zum Weingut gehört eine Gutsschänke mit Innenhof und rheinhessischer Küche.
Gerade solche Häuser zeigen, wie schön man sich der Region nähern kann: nicht mit einem Fachseminar über Önologie, sondern mit einem Glas Wein, etwas Gutem auf dem Teller und viel Zeit.
Benefiziathof – Wein mit historischem Ambiente
Der Benefiziathof Johann-Josef & Johannes Jakob May liegt im Schreiberweg mitten in den Weinbergen. Zum Anwesen gehören unter anderem ein Holzfasskeller und Übernachtungsmöglichkeiten; angeboten werden auch Weinproben mit Weinbergs- und Kellerbegehungen.
Wer Wein nicht nur probieren, sondern verstehen möchte, findet genau in solchen Betrieben die direkte Verbindung zwischen Rebstock, Keller und Glas.
Melchior Josef Leber – Bio im historischen Ortskern
Eine andere Facette zeigt das Bioweingut Melchior Josef Leber.
Der Betrieb sitzt im alten Bodenheimer Ortskern und verbindet ökologischen Weinbau mit einem Weinprobierstübchen im Fachwerkambiente.
Das ist vielleicht eines der schönsten Merkmale Bodenheims: Moderne Entwicklungen im Weinbau müssen hier die Tradition nicht verdrängen. Beides kann nebeneinander existieren.
Westerheymer Hof – Terroir im Blick
Auch der Westerheymer Hof / Weingut Thomas Lorch beschäftigt sich ausdrücklich mit unterschiedlichen Böden und kleinklimatischen Bedingungen. Das Weingut bewirtschaftet Weinberge auf verschiedenen Bodenformationen und arbeitet mit Guts‑, Lagen- und Premiumweinen. Direkt daneben verläuft der Bodenheimer Weinlehrpfad.
Damit schließt sich der Kreis zum modernen Rheinhessen: Entscheidend ist längst nicht mehr nur die Rebsorte.
Es geht um Herkunft.
Wein muss man in Bodenheim erlaufen
Eine der schönsten Möglichkeiten, den Bodenheimer Wein kennenzulernen, ist deshalb erstaunlicherweise zunächst ganz ohne Glas.
Der Bodenheimer Weinlehrpfad führt als 2,7 Kilometer langer Rundweg durch die Weinberge. An Rebsortenschildern und Informationstafeln werden Weinbau, Rebsorten und Ortsgeschichte erläutert. Insgesamt werden entlang des Weges 14 Weine beziehungsweise Rebsorten dort vorgestellt, wo sie tatsächlich wachsen.
Und wer danach Durst hat, befindet sich strategisch betrachtet in einer ziemlich günstigen Position.
Denn die nächsten Weingüter sind selten weit entfernt.
Hinzu kommt der RheinTerrassenWeg, der ebenfalls durch Bodenheim führt und die Weinorte entlang der Rheinterrasse verbindet.
Straußwirtschaft statt Sterne-Restaurant
Zur rheinhessischen Weinkultur gehören aber nicht nur Spitzenweine.
Mindestens genauso wichtig ist die unkomplizierte Seite.
Straußwirtschaften, Gutsschänken und Hoffeste gehören in Bodenheim zum gesellschaftlichen Leben. Man sitzt zusammen, bestellt einen Schoppen oder eine Flasche, dazu Spundekäs, Brezel, Wurstsalat oder andere rheinhessische Gerichte – und die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, dass am Nachbartisch jemand sitzt, der entweder selbst Wein macht oder zumindest ganz genau weiß, wer welchen macht.
Wein verliert hier schnell jede Feierlichkeit.
Und gewinnt dadurch an Kultur.
Denn Rheinhessen funktioniert am besten ohne Ehrfurcht.
St. Albansfest – wenn der Wein den Ort übernimmt
Besonders sichtbar wird das beim St. Albansfest.
Das Bodenheimer Weinfest wurde 1974 ins Leben gerufen, um den Bodenheimer Wein bekannter zu machen. Heute gehört es zu den wichtigsten Veranstaltungen des Ortes.
Rund um das historische Reichsritterstift treffen Wein, Musik, Essen und Bodenheimer Geselligkeit aufeinander.
Wer verstehen möchte, was mit „Weinkultur“ gemeint ist, bekommt hier eine ziemlich anschauliche Antwort.
Nicht verkopft.
Sondern im Glas.
Bodenheim Top3:
Die Einwohner werden zur Wein-Jury
Eine ebenfalls schöne Bodenheimer Besonderheit ist der Wettbewerb „Bodenheim Top3“.
Dabei werden heimische Weine öffentlich verkostet und bewertet. Bei der Austragung 2025 nahmen mehr als 330 Weinfreundinnen und Weinfreunde an der öffentlichen Probe teil.
Das Konzept passt hervorragend zum Ort.
Denn hier bestimmen nicht ausschließlich professionelle Verkoster darüber, was schmeckt. Die Bodenheimer mischen selbst mit.
Wein ist schließlich ihr Kulturgut.
Ein Weinort, der sich nicht verkleiden muss
Und vielleicht liegt genau darin der Reiz Bodenheims.
Andere Weinregionen wirken gelegentlich wie Kulissen. Alles ist hübsch restauriert, perfekt inszeniert und auf Tourismus zugeschnitten.
Bodenheim ist anders.
Hier ist der Weinbau noch Teil des Alltags. Zwischen historischen Gutshöfen stehen normale Wohnhäuser. Traktoren fahren durch den Ort. Im Herbst begegnen einem Traubenwagen. Manchmal riecht es während der Gärung rund um ein Weingut unverkennbar nach jungem Wein.
Und zwischen all dem findet man traditionelle Familienbetriebe, Biowinzer, ambitionierte junge Kellermeister, Straußwirtschaften und mit Kühling-Gillot sogar einen Betrieb von internationalem Renommee.
Gerade diese Mischung macht Bodenheim spannend.
Rheinhessen entdecken? Am besten mit einem Glas in Bodenheim beginnen
Rheinhessen hat in den vergangenen Jahrzehnten eine beeindruckende Entwicklung genommen.
Aus einer Region, die lange vor allem für große Mengen unkomplizierten Weins bekannt war, ist eines der dynamischsten deutschen Weinbaugebiete geworden. Riesling, Silvaner und Burgundersorten spielen dabei ebenso eine Rolle wie neue Ideen, ökologische Bewirtschaftung und die Rückbesinnung auf einzelne Böden und Lagen.
Bodenheim erzählt diese Entwicklung im Kleinen.
Hier treffen mehr als 1.200 Jahre dokumentierte Weinbautradition auf moderne Winzer. Alte Gutshöfe auf zeitgemäße Vinotheken. Silvaner auf Riesling. Spitzenwein auf Schoppen. Und internationale Anerkennung auf rheinhessische Bodenständigkeit.
Vielleicht muss man Rheinhessen deshalb gar nicht erklären. Man könnte auch einfach nach Bodenheim kommen. Ein Stück durch die Weinberge laufen. Bei einem Winzer einkehren. Ein Glas bestellen. Und den Rest erledigt Rheinhessen selbst.